Nika Breithaupt
Ode an den Müll

«Vom ersten Tag an stelle ich fest, daß ich nur noch Müll sehe. Ich hab Ingenieurswesen studiert. Ich hab nicht Müll studiert. ... Ich tue richtige und wichtige Arbeit. Landaufschüttungen sind wichtig. Problem ist bloß, der Job verfolgt mich. Das Thema verfolgt mich. Letzte Woche war ich in einem Restaurant, hübscher neuer Laden, ja, und da steh ich und schau mir die Essensreste auf den Tellern anderer Leute an. Übriggelassenes. Ich sehe Kippen in Aschenbechern. Und als wir nach draußen gehen.»
«Du siehst überall Müll, weil er überall ist.»
«Aber das hab ich doch vorher nicht.»
«Jetzt bist du erleuchtet. Sei dankbar.»
(Jon DeLillo in «Unterwelt»)




Großstadtleben
Ein Bedürfnis nach Urbanität, das Eintauchen in das Übermaß, ins (geordnete) Chaos, den Dreck, die Vielzahl, das Anonyme und Bedrängte, das Häßliche und Laute, das Übertriebene und Unübersichtliche. Die Schönheit des Widersprüchlichen.
All diese Begriffe sind natürlich relativ. Einige lassen sich auch in jeder Kleinstadt, jedem Dorf, jeder Einöde finden, wie man sie, drehend und wendend, eben deuten will.
In der Großstadt ist jedoch das Maß ein Anderes. Man kann Distanz einnehmen, hat die Möglichkeit nur Beobachter zu sein. Kann sich hineinstürzen aber niemandem auffallen, kann Teil der Masse sein, ohne sich erklären zu müssen und doch gleichzeitig über dem Ganzen stehen. Nur gehen und hören und gehen und kucken und denken und gehen und hören und gehen und kucken und.

Müll, wie Abfall, wie Rest, wie Unrat.
Verworfen, hinterlassen, ausgedient, vergessen.

Ich kann nicht mehr genau sagen wann mein Blick auf den Müll der Stadt hängenblieb und mich von da an beschäftigen sollte. Zuerst sind mir vor allem nachts die vielen Ansammlungen von Müllsäcken aufgefallen, die zur Abholung am Straßenrand bereitstehen. Für mich besitzen diese Haufen eine ganz spezielle Schönheit. Oft scheint es als seien die Standpunkte inszeniert, fürs Foto komponiert. Ein Stilleben. Durch den Blitz der Kamera wirken die gro§en violetten Plastiktüten wie erschreckt, vom Licht geblendet, ertappt. Sie verweilen in den schön gepflegten Straßen der gentrifizierten Wohnviertel, abgestellt und deplatziert. Anderswo fügen sie sich in die Stadtflora, nebst freiwilligem Abfall und zerzaustem Gebüsch. Glänzendes Plastik, zwischen totem Laub.
Was mir gefällt ist die Beiläufigkeit, das Banale, das Alltägliche. Ich mag es, wenn sich mein Blick aus irgendeinem Grunde ändert und ich etwas wahrnehme, das ich zuvor nie beachtet habe, obwohl es mir so oft begegnet. Plötzlich erschienen mir bestimmte Unratansammlungen, Müllsäcke, einsame Plastiktüten eigenartig und disharmonisch. Häßlich und gleichzeitig wunderschön. Auch das Innenleben der Abfalleimer in der Stadt, zeigt interessante Kompositionen, die man nicht erahnt und erst durch das Licht der Kamera, für eine Minisekunde aufblitzend, sichtbar machen kann. Das zufällig dahin Geworfene wirkt mit einem Male eigenartig bewusst arrangiert. Der leere Kaffeebecher, halb sichtbar hinter dem zerknüllten Papier, neben der verschmutzten Sandwich-Verpackung und teilweise verdeckt von braunen Kartonfetzen ergeben ein Bild voller Spannungen und Gegensätze.
Schon des längeren fasziniert es mich, Spuren von Dingen zu betrachten − die Zeichen die wir machen, die Dinge die wir hinterlassen. Jeder Müllsack erzählt eine eigene Geschichte. Die Bilder von Müll jeglicher Art sind durch und durch narrativ − ein Protokoll menschlichen Tuns und Seins.

Feb 2009